B110 ebay Qualität

Drei - zwei - eins - MEINS!

Eine Qualitäts-Kontrolle findet bei derartigen Verkäufen nicht statt. Zwar bezahlt man für derartige Angebote nur
kleines Geld - aber unterm Strich ist auch der kleine Betrag zum "Fenster hinausgeschmissen". Und so landet
dieses "wertvolle Schnäppchen" dann bei mir, der schon viele andere hochwertige Zweilinser u.a. von Zeiss hier
gehabt hat. Zunächst hat also der frohe Besitzer nur wenig Freude an seiner "Linse" und ich soll nun das Teil
untersuchen mit einer möglichst Frohen Botschaft - war aber dann eine Fehlanzeige.                   




 http://r2.astro-foren.com/index.php/de/14-beitraege/06-messtechnik-teil-2-aufbau-diverser-interferometer/58-artificial-sky-bei-perfektem-seeing

http://r2.astro-foren.com/index.php/de/10-beitraege/02-ed-optiken-halb-apos-und-frauenhofer-systeme/597-b078-zeiss-as-150-2250-f-15-nr-82878

Mit einem  gleichartigen Zeiss AS Achromaten verglichen zeigt die unbekannt ebay-Optik sofort die Schwachstelle dieses Zweilinsers.
Ein Astigmatismus, der sogar bei 100-facher Vergrößerung noch gut zu sehen ist. Es könnte also an der Fassung liegen, wenn die
Lagerung der beiden Linsen nicht fachgerecht ausgeführt worden war, oder was viel schlimmer ist, die Linsenfertigung ist derart
miserabel, daß der Astigmatismus regelrecht  "eingebaut" ist. 

Ein Feinoptiker, der mindestens viele Jahre Berufserfahrung gesammelt hat, weiß genau, was man bei der Linsenfertigung alles falsch
machen kann. Wenn die Einzel-Linsen schlecht oder falsch gelagert sind, bildet sich dort bereits Astigmatismus. Wenn der Linsenrand
nicht sorgfältig gemessen wird, kann ein Keilfehler entstehen. Wenn die fertigen Linsen nicht sauber zentriert sind, hat man später
Probleme beim Zentrieren des Zweilinsers. Als Abstandsplättchen verwendet man seit alter Zeit Bleiplättchen. Die kann man im Bereich
von tausendstel Millimeter z.B. stauchen. Bei den Zeiss AS-Achromaten wird dies mit großer Akribie durchgeführt und hält danach
mehrere Jahrzehnte. Im vorliegenden Fall lag es auch nicht an der Fassung, sondern der Astigmatismus der Grundordnung war "fest"
eingebaut. Man muß sich also mit den beiden Linsen selbst intensiver befassen.

Auffällig an diesem Linsenpaket ist eine "Kerbe" am Linsenrand beider Linsen, mit der offenbar die Dreh-Position der Linsen zueinander
festgelegt werden soll. Als Abstandshalter fungieren drei Klebescheibchen auf der 1. Linse innen, ein seltsames und unübliches Verfahren,
Vor einer Optimierung sind dies ein paar Unbekannte, die bei einer Optimierung größere Probleme erzeugen können. 

Am  Artificial Sky test im nächsten Bild mag man  den Unterschied zwischen einem perfekten Zeiss AS-Zweilinser einschätzen zur
astigmatischen Variante des unbekannten ebay-Achromaten.         




Wenn also, wie oben schon erwähnt, eine der Linsen, oder möglichst alle beiden Linsen einen Astigmatismus-Fehler haben, dann läßt sich dieser
dadurch aufheben (kompensieren) wenn man die eine Linse zur anderen verdreht, in meinem Falle im Uhrzeigersinn nach recht von vorne gesehen.
Dazu muß man sich jedoch die Wellenfront-Abbildung genauer ansehen und hoffen, daß genau eine Drehung um 90° der 1. Linse zur 2.Linse den
Fehler möglichst behebt - immer in der Hoffnung, auch die 2. Linse hätte Astigmatismus der Grundordnung. Ganz genau läßt sich dieser Fehler
leider nicht korrigieren, aber doch auf ein erträgliches Maß reduzieren, was die nächsten Bilder beweisen. 

http://r2.astro-foren.com/index.php/de/2-uncategorised/61-der-zernike-zoo-5-april-2006                              



Besonders im Fokus dieses Zweilinsers ist die astigmatische Abbildung schon sehr störend. Erst nach der Optimierung entsteht eine
einigermaßen  vernünftige Abbildung.                      




Deutlich auch an der Energie-Verteilung der Point-Spread-Function Darstellung zu sehen.                            



Aus dem  Astigmatismus der Grundordnung ist etwas Koma entstanden, was mit der Verdrehung der 1. Linse zusammenhängt:
Es stimmen nämlich dann nicht mehr genau die Abstandsplättchen, weil vermutlich noch ein leichter Keilfehler der Linsen eine
Rolle spielt  -  das aber in einer erträglichen Größe.          




Die Politur  zeigt eine unruhige Wellenfront, mag ein fernöstlicher Handwerker seine Kunst ausprobiert haben.                    



Der Öffnungsfehler wäre soweit gegen Null eingestellt.




Und nun im Vergleich das ursprüngliche Ergebnis zum nachfolgenden optimierten Ergebnis.






Auch die Interferogramme lassen sich gut deuten:   Die konisch verlaufenden Streifen links zeigen den Astigmatismus an,
während rechts nur noch ein geringer Betrag an Achskoma stört, was durch die Linsendrehung verursacht wird. 
Normale Erwartungen wird dieses Objektiv also jetzt erfüllen können.  Ein Zeiss AS ist es aber trotzdem nicht.           






Kommentare   

# AstroRudi 2019-08-18 23:26
Hallo Wolfgang,
schön und für mich erstaunlich, daß man so eun Objektiv noch auf 90% Strehl trimmen kann. Du hast schon ein feines Händchen;und viel Erfahrung braucht es natürlich auch !
Rudi
Antworten