C024A Astigmatismus - ist die Erde eine Scheibe?

Manche Überzeugungen sind monolithisch und haben eine lange Überlebensdauer. Es war zwar schon lange bekannt, daß unsere Erde eine Kugelform hat,
selbst der Erddurchmesser war bereits im Altertum mit großer Genauigkeit vermessen. Das geozentrische Weltbild jedoch war immer noch in einigen 
Köpfen verankert.  http://de.wikipedia.org/wiki/Flache_Erde

Es war der griechische Mathematiker, Philosoph und Astronom Eratosthenes (276-195 v. Chr.), welcher als erster den Erdumfang bestimmt hat.
Er beobachtete die Mittagshöhe der Sonne von Alexandria und vom 787,5 km weiter südlich gelegenen Kyrene (das ist das heutige Assuan). Die Differenz
der Höhen der Sonne gemessen zu demselben Zeitpunkt beträgt 7,14 Grad. Damit errechnete er den Erddurchmesser wie folgt:  787.5 km x (360 o / 7.14o) = 39705 km 
Dieser Betrag kommt dem wahren Erdumfang von ca. 40000 km sehr nahe.


Ein ähnliches Schicksal erleidet der Strehl-Begriff, weil er u.a. auch Definitons-Helligkeit genannt wird. Oder die Frage, wie bei einer Newton-Spiegel-Messung
der Astigmatismus zu bewerten sei: Dazu muß man den Strehlwert differenziert betrachten, also 

a) nicht nur die drei wichtigen Restfehler, wie Astigmatismus, Koma und Spherical in ihren Auswirkungen.
b) vor allem aber, welcher Anteil des Astigmatismus nun wirklich dem Newton-Spiegel angelastet werden kann und
c) ab welcher Größe in PV man den Astigmatismus der Grundordnung Z04 und Z05 überhaupt wahrnnehmen würde.

Nicht zu vergessen die Seeing-Probleme eines Setups: http://rohr.aiax.de/IGramm_Seeing.avi

Aber auch alle anderen Kriterien eines vorzüglichen Newton-Spiegels dürfen nicht einfach unter den Tisch fallen. Der jahrelange Streit, der von bestimmten
Usern mit Leidenschaft geführt worden war, kam nie auf den Kern der Sache, daß nämlich eine Strehlauswertung nur ein Teilaspekt der opt. Qualitäts-Bestim-
mung ist. Diesen Usern fehlt schlicht die Beurteilung aus der opt. Praxis.

Um bei einem Newton-Spiegel den Rest-Astigmatismus richtig einzuschätzen, wäre die 1. Frage: Wieviel darf man dem Hauptspiegel
an Astigmatismus überhaupt anlasten? Also . . .

- nicht den Lagerungs-Astigmatismus, 
- nicht den Astigmatismus aus äußeren Störungen,  http://rohr.aiax.de/IGramm_Seeing.avi
- nicht den Astigmatismus aus Zusatz-Optiken wie Kollimations-Planspiegel oder Kompensations-Linsen
- nicht bei großen Öffnungszahlen, bei denen auch der Interferometer Rest-Astigmatismus erzeugen kann.  
   Dave Rowe Bath-induzierter Astigmatismus

- und nicht, wenn der Teilerwürfel bei einem Twyman-Green Interferometer Astigmatismus erzeugt.
- auch das Average-Verfahren über mehrere Interferogramme oder durch Drehen des Prüflings löst das Problem nicht zufriedenstellend

Die unterschiedlichen Einflüsse sind aber leider gar nicht exakt zu erfassen und sauber zu trennen.

Mindestens genau so wichtig wäre die Frage, ab welcher Größe ein LOW ORDER Rest-Astigmatismus überhaupt wahrgenommen wird. Und
zwar 
nur den der Grundordnung Z04 und Z05. Bei der Fotografie "verschmiert" das Seeing einen eventuellen Rest-Astigmatismus als 
Scheibchen und visuell würde man einen Rest-Astigmatismus ab etwa PV L/4 sehen, also bei hohen Vergrößerungen. Astigmatismus
höherer Ordnung hingegen sieht man nicht.

Wer also darüber nicht differenziert nachdenkt, schreibt nur die Foren voll, um sich zu produzieren.

Das sind also viele Gründe, warum ich mich der Frage des Rest-Astigmatismus auf folgende Weise anzunähern versuche.
Zunächst erzeugt man in RoC (Radius of Curvature) das folgende I_Gramm das wie Newtonsche-Ringe aussieht. Dabei sollte der
äußerste Ring möglichst konzentrisch zum Spiegel-Rand sein, was aber auch bei diesem Beispiel nicht ganz der Fall ist.(
Auch in ROC
haben wir es immer noch mit lagerungs-bedingtem Astigmatismus zu tun sowie aus  Seeing und Raumschwingen erzeugten Astigmatismus. In RoC
entfällt aber immerhin der Einfluß des Kollimations-Spiegels mit dessen doppeltem Wert.) Der nunmehr geringe Rest-Astigmatismus läßt
vermuten, daß er weitestgehend zum Newton-Spiegel gezählt werden muß - nur wie groß ist der eigentlich?

Astig-Disk_01.jpg
.

Man kann diesen Astigmatismus tatsächlich auswerten. Dazu muß man aber ersteinmal die Mitte finden, die nun leider nicht vom
Spiegelrand definiert wird, schon eher durch den äußersten Interferenz-Ring und durch einen Ring, der den Ideal-Fall definiert zum
äußersten Ring. (Man müßte sehr viele "Bilder schießen" bis der äußerste Interferenz-Ring konzentrisch zum Spiegelrand ist.
Nach dieser  Vorbereitung wird dieses IGramm auswertet, unter deaktivierung von Spherical und Koma und bekommt den Wert
für den Rest-Astigmatismus mit einem Scale von 1.


Astig-Disk_01A.jpg
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Das Atmosfringe Auswertprogramm setzt also die Punkte entlang der Interferenz-Kreise und es ergibt sich ein Wert von . . .

Astig-Disk_01B.jpg
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Strehl = 0.977 bzw. ein PV-Wert von L/9.1, also weit unter der Wahrnehmung.(Low Order Astigm. wäre PV L/12.8, High Order Stigm
wäre PV L/11.9) Dieser Rest-Astigmatismus vermindert zwar den Gesamt-Strehlwert, ohne daß man weiß, welche Auswirkungen dies
hätte. Es ist deshalb die Spielwiese von Theoretikern, ohne daß man über eine sinnvolle Information verfügt. Mindestens so bedeutend 

wäre die Korrektur oder Spherical genannt, bei der man erfährt, ob der Spiegel aus thermischen Gründen leicht unterkorrigiert ist,
oder die Micromammelonnage (Rauhheit der Spiegelfläche) damit man einen hohen Kontrast erwarten könnte.

Astig-Disk_01C.jpg

Es waren diesmal zwei 8" Newton-Spiegel, und im zweiten Fall wäre der Rest-Astigmatismus noch geringer, wie das dritt-nächste
Bild beweisen würde - klammert man sich verweifelt an die Frage des Rest-Astigmatismus.

Astig-Disk_02.jpg
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Astig-Disk_03.jpg
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Astig-Disk_04.jpg

dazu noch folgende Ergänzung C024B 8inch f-8 Newton ICS Nr_1070

============   Wie groß ist denn nun der wirkliche Strehl-Wert     =============

 Den wirklichen Strehlwert wird man anhand der unterschiedlichen Einflüsse (bereits über den Astigmatismus) immer nur näherungs-
weise ermitteln können: Man hat zunächst die Auswertung der sphärischen Aberration ohne Astigmatismus in einem Autokollimations-
Setup mit Strehl = 0.983. Gegen einen Planspiegel ist dieser Wert ziemlich sicher, aber eben ohne Astigmatismus des Gesamt-Setups,
bei dem nur ein Teil dem Prüfling selbst angelastet werden kann. (Beim Autokollimations-Gesamt-Setup käme nämlich Strehl = 0.887
heraus, und davon gehört nur ein Teil zum Prüfling selbst, nämlich durchschnittlich 2/3 zum Planspiegel und 1/3 zum Prüfling.

Astig-Disk_10.jpg
.
Vorsichtshalber gibt es aber noch ein IGramm in RoC - bei dem aber

- Wellenlänge in Nano-Meter genau eingegeben werden muß, und in
- Millimeter exakt sowohl der opt. wirksame Durchmesser und der genaue Radius im Krümmungsmittelpunkt eingegeben werden muß.
- Auch hier käme noch die Lagerung ins Spiel und das Seeing im Testaufbau. Ein weiteres Problem ist
- der Pixel-genaue Umkreis, denn Abweichungen variieren ebenfalls den Strehlwert. Auch muß
- das Gesamt-Inferferogramm absolut rund sein. Es bleibt also immer eine Unschärfe, weil dieser RoC-Test kein klassischer Nulltest ist
  anders als beim Autokollimations-Setup, dessen muß man sich bewußt sein.  -   Auch dieses IGramm wird also ausgewertet:

Astig-Disk_11.jpg
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Wie man sieht ist jetzt der Astigmatismus nicht deaktiviert. Das synthetische Streifenbild ist fast perfekt.

Astig-Disk_12.jpg
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Die restlichen Störungen der Wellenfront zeigt die nächste Übersicht - aber wie groß es denn jetzt der Strehl - da werden bestimmte
Leute schon ungeduldig.


Astig-Disk_13.jpg
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Wir hätten also - bei aller Vorsicht - jetzt einen Strehl von 0.966, bei dem auch der Astigmatismus berücksichtigt worden ist. Die
Differenz von Strehl = 0.983 (sphärische Aberration) zum Gesamtstrehl von 0.966 wären die gewaltige 0.017 Strehlpunkte Differenz.
Nur abgehobene Geister werden sich stundenlang damit befassen, weil nur diese die Differenz richtig würdigen können. 

Astig-Disk_14.jpg
.

Wer also einem Spiegel-Hersteller Unrecht tun will, wer einen vorzüglich glatten Newton-Spiegel "nieder-schreiben" will, der hängt sich
am besten an dieser sinnlosen Astigmatismus-Diskussion auf, ohne alle Fragen, die in diesem Zusammenhang zu stellen wären:
. . . und vergällt dem armen Sternfreund die Freude an der Beobachtung.

Am Schluß jedes meiner Berichte kann man zum Thema einen persönlichen
Kommentar als Rückmeldung aus der Praxis schreiben, und Bilder einbinden - als Link oder direkt verlinkt. 

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Kommentare   

# AstroRudi 2015-05-30 22:50
Hallo Wolfgang,

darf ich mal 'ne (wahrscheinlich) blöde Frage stellen: warum ist bei Deinen oberen Bildern (konzentrische Ringe - Du selbst vergleichst mit Newton-Ringen -) das kleine grüne Viereck (mit dem schwarzen Punkt in der Mitte - der kein Punkt, sondern eher ein horizontal längliches Oval zu sein scheint - und dem hellgrünen Strich aus 8 Uhr) nicht zentrisch ? Oder wenn das kleine Viereck zentrisch sein sollte (vielleicht optische Täuschung oder es sind meine meine Augen), warum ist dann der unregelmäßige SCHWARZE Fleck, der - von innen nach aussen - dann als nächstes kommt, nach rechts versetzt ?

Denke gerade über ein ähnliches Problem an meinem Refraktor nach. Da ist ein Newton-Ring im Zentrum des Objektivs (Blick von vorne) und die Ringe sind - von aussen nach innen - kreisrund und wunderbar zentrisch. ABER (und NUR): der Punkt (besser Fleck) in der Mitte ist bohnenförmig !

Danke für Deine Antwort.

Rudi
# wolfgang 2017-05-14 21:05
So schaut die Mitten-Markierung auf dem Foto aus.